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SoMM 08 : PR 2.0

Wer spricht, wenn der Pressesprecher twittert?

Dürfen Pressesprecher twittern?

Es ist die immer gleiche Frage, mit der sich PR-Verantwortliche derzeit rumplagen: Wie lässt sich die alte One Voice Policy in Organisationen (es wird “mit einer Stimme” nach außen kommuniziert, ein Pressesprecher ist quasi nur Medium) mit der neuen Vielstimmigkeit und Authentizität im Mitmach-Internet vereinbaren?

Die Frage ist eigentlich nicht neu, doch sie wird von Jahr zu Jahr dringlicher, weil immer mehr Plattformen sich scheinbar “en passant” bedienen lassen, und dann oftmals die Pressestelle diesen Job mit erledigt, auch wenn die doch denkbar ungeeignet ist, wenn sie ansonsten ja dazu da ist, hoch offizielle Verlautbarungen zu verbreiten, hinter denen der einzelne PR-Mensch und dessen ureigenste Meinung verschwindet.

Wunderbar auf den Punkt gebracht hat das in dieser Woche mal wieder Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach in seinem – manchem zu ketzerischen – Blog-Artkel “Warum @regsprecher so nicht twittern sollte”. Er knöpft sich Regierungssprecher Steffen Seibert vor, und fragt sich, welche Bedeutung seinem Sprech auf Twitter gegeben werden soll, wo doch die Grenzen zwischen persönlicher Meinungsäußerung und offizieller Verlautbarung eben so fließend zu sein scheinen. PR-Kollege Bernhard Jodeleit hat sich dieser Kritik in seinem Blog-Artikel “Ob Sprecher twittern sollten?” weitestgehend angeschlossen.

“Zurück aus den Ferien. Habe mir verboten, zwischendurch zu twittern, man will ja nicht süchtig werden. Ab morgen wieder Infos zur Politik.” (@RegSprecher)

Tatsächlich ist ganz offensichtlich (sic!), dass nicht jeder Tweet des Steffen Sebert eine offizielle Verlautbarung ist. Es mischen sich persönliche Tweets darnter wie zum Beispiel der von Wolfgang (duzen wir uns?) zitierte Fußballtweet. Ich könnte auch den Zurück-aus-dem-Urlaub-Tweet herausgreifen.

Meine Meinung:

In Wahrheit lässt sich bei jedem Tweet sehr schnell erkennen, ob es sich um eine persönliche Aussage oder eine offizielle Verlautbarung handelt. Die Frage ist nur, was passiert, wenn ein Journalist das mal ganz bewusst missverstehen möchte? Spannend wird es also genau dort, wo Sender und Empfänger keine Einigkeit mehr darüber herstellen können, was hier gerade auf der kommunikativen Ebene wirklich passiert, wer hier eigentlich mit wem und eben auch für wen (die Hauptaufgabe von Pressesprechern). Es sind schließlich diese potenziellen Missverständnisse, die den Spagat zwischen One Voice Policy und Authentizität im Social Web so schwierig machen. Insofern ließe sich ja auch die These zuspitzen, dass Twitter-Accounts mit Markennamen oder Funktionsbezeichnungen (wie @RegSprecher) nichts für Bangbüxen sind. Herr Seibert ist bestimmt keine Bangbüx.

Wenn ich die Argumentation von Lünebürger-Reichenbach konsequent weiter denke, dann dürfte es doch eigentlich gar keine Twitter-Accounts geben, die nicht namentlich (und sei es mit Pseudonym) einem Menschen zugeordnet sind. Maximal das Konzept von @Telekom_hilft wär dann noch “okay”, weil sich hier konkrete Menschen dazu bekennen, twitternd zu helfen, und sonst gar nichts. Vielleicht ist das ja auch die Zukunft, wer weiß… Im Moment versuchen zumindest die meisten Organisationen die gleiche Kommunikationsweise 1.0 fortzusetzen, die sie bisher auch schon auf anderen Kanälen betrieben haben: Profile oder Accounts werden wieder gebrandet, sie wirken manchmal wie kleine Website-Ableger, und die Kommunikation, die darüber stattfindet, ist relativ steril.

Ist ein twitterndes Doppelleben die Lösung?

Viele Pressesprecher/innen umgehen die Problematik übrigens durch ein twitterndes “Doppelleben”, schön zu sehen bei Carmen Hillebrand, Vodafone-Pressesprecherin, die jedoch unter @CarmenHi ausdrücklich unabhängig von ihrem Arbeitgeber twittert. Den offiziellen Vodafone-Deutschland-Twitter-Account teilt sie sich übrigens mit zwei anderen Kollegen. Ich selbst bin übrigens mit meinem Twitter-Account @dieGoerelebt auch jenseits meiner beiden Pressesprecherinnen-Rollen (Forum DistancE-Learning und ILS) unterwegs. Mein Anteil an Business-Tweets für diese beiden Organisationen strebt sogar nahezu gen Null, was man von @frischkopp – dem persönlichen Account von Google-Deutschand-Pressesprecher Stefan Keuchel nicht gerade behaupten kann. Bei ihm hat jeder zweite Tweet einen geschäftlichen Bezug, obwohl es sich nicht um den offiziellen Google-Deutschland-Presse-Account @GoogleDE handelt.

Verunsicherung auf beiden Seiten

Übrigens herrscht nicht nur auf Seiten der Organisationen Unsicherheit, auch diejenigen, die mit den 1.0-Regeln der PR groß geworden sind, wissen nicht recht, wie Ihnen geschieht. Das Dilemma trat jüngst in der Regierungspressekonferenz am 25. März 2011 mehr als deutlich zutage – nachzulesen in der Mitschrift vom 25. März 2011 und anzusehen und zu hören hier:

http://vimeo.com/21654630

Hier stellt sich die Frage nämlich plötzlich andersrum – nicht mehr “Wer spricht?”, sondern “Spricht er wirklich Relevantes nur noch dort oder dort als Erstes?” Die Hauptstadtjournalisten haben gar nicht die Sorge wie die PR-Berater, dass Herr Seibert ausversehen zu privat wird, sie haben Sorge, dass er Twitter zu beruflich nutzt. Und da wird es doch eigentlich erst richtig spannend…

“Wenn Herr Seibert twittern will, weil er Zeit hat, ist das alles gut und schön. Aber das geht ja bis hin zu der Frage, wozu man dann noch Chefs vom Dienst braucht, wenn Herr Seibert die Termine twittert.” (Frage auf der Regerungspressekonferenz am 25. Märt 2011)

Eigentlich hätten diese Journalisten doch leichtes Spiel: Nur einmal müssten sie einen Tweet vom @RegSprecher auf eine Art und Weise ernst nehmen, dass dessen Kommunikationsgebaren im Sinne Lünenbürger-Reichebachs ad absurdum geführt wird. Indem zum Beispiel in der Zeitung steht: “Regierung beglückwünscht Dortmund vorzeitig zur Meisterschaft und betont, dass keine andere Mannschaft diesen Sieg verdient hätte.” Und schon würde der Seibert die ganze Twitterei vor Schreck wieder lassen, die altbackenen Jurnalisten hätten ihre Ruh und die PR-Berater könnten sich entspannen…

Aber vieleicht passiert das genau deshalb nicht, weil alle wissen, wie es gemeint ist. Und darum ist es vielleicht auch alles gar nicht so schlimm.

Oder, Wolfgang?

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Links ins Netz:
Blog-Artikel zum Unbehangen der Hauptstadtjournalisten mit dem twitternden Regierungssprecher auf carta.info
Liste twitternder Pressestellen auf talkabout.de

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Links in den Fernlehrgang:
In den nächsten Wochen werde ich das Studienheft zum Thema PR 2.0 verfassen. Viele meiner Bog-Artikel zu diesem Thema werden in nächster Zeit also Materialsammelcharakter haben…

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Discussion

2 Responses to “Wer spricht, wenn der Pressesprecher twittert?”

  1. Hi,

    also ich verstehe diese ganze Aufregung nicht. Was z.B. über den Regierungsprecher getwittert wird, sind doch nun wirklich mehr als belanglose Sachen. Da muss kein Reporter der Welt Angst haben, etwas zu verpassen! Außerdem kann man die Tweets ja auch lesen, wenn man nicht mit einem eigenen Konto an Twitter “teilnehmen” möchte.

    Grüße.

    Posted by Jan | 11. Mai 2011, 11:09

Trackbacks/Pingbacks

  1. [...] Hauptstadtjournalisten, die vor der Twitterei von @RegSprecher Steffen Seibert vor geraumer Zeit wie überzüchtete Pferde gescheut haben (hach, war das jetzt böse), genügt es [...]

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