Community-Aktivierung? Das schafft wie kein Zweiter der Mathematik-Professor Christian Spannagel. Wie? Mit dem Mut zur radikalen Offenheit. In einer Wiki-Diskussion vor zwei Jahren hat er viele inspirirende Gedanken zu diesem Thema zusammen getragen. Und in seinem Blog kommt er durchaus auch mal auf über 100 Kommentare pro Beitrag. Und dazu fällt mir eine Geschichte ein…
Wollt Ihr eine Anekdote aus der Entwicklungsgeschichte des Fernlehrgangs “Social Media Manager” hören?
Im Februar hatte ich die Idee, Christian Spannagel, Professor für Mathematik und ihre Didaktik an der PH Heidelberg, um ein Interview zu bitten. Ich dachte gerade über Anwendungsfelder von Social Media für das Studienheft SoMM 1 nach und wollte ein bisschen Leben in das Kapitel über Lernen 2.0 und Open Science bringen. Und da dachte ich sofort an Christian.
Christian habe ich über Twitter kennen gelernt, habe ihn auf seiner Bildungsexpedition in Hamburg persönlich kennen gelernt und mich von seinem vorrübergehenden Ausstieg aus dem Social Web berühren lassen. Christian vertritt mit Leib und Seele die Idee des öffentlichen Wissenschaftlers, er ist ein “Schüler” von Jean-Pol Martin, der das didaktische Modell “Lernen durch Lehren” in Deutschland etabliert hat. Und Christian ist in einem besonderen Maße mutig, was für mich im Zusammenhang mit dem Social Web bedeutet, tatsächlich auch sehr komplexe und sehr persönliche Fragen und Thesen zur Diskussion zu stellen und zu vertreten. Um es ein bisschen deutlicher auszudrücken: Ich wette mit Euch, dass es nicht viele Menschen mit “Rang und Namen” gibt, die es sich trauen, ein solches Fass im Internet aufzumachen.
Als ich in dieser Woche den Blogbeitrag von Christian Spannagel über ein Lebensmodell ohne feste Partnerschaft (romantisch verklärte Zweier-Liebesbeziehung) las, erinnerte ich mich prompt an unseren Abstimmungsprozess Anfang März 2011 zu seinem Beitrag im Einführungsheft des Social-Media-Fernlehrgangs…
Am Ende des Interviews schlug ich ihm vor, sich die letzte Frage doch einfach selbst zu stellen. Dankbar griff er zu, und so ist es jetzt auch im Studienheft abgedruckt:
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SoMM: Und jetzt machen wir mal was ganz Verrücktes: Die letzte Frage darfst Du selbst Dir stellen! Was würdest Du Dich denn gern noch Fragen, wenn Du Dir vorstellst, Du fängst gerade mit dem Fernlehrgang „Social Media Manager“ an?
Christian: Ich würde mich gerne fragen: Hat das Web 2.0 dazu beigetragen, mich ein Stück glücklicher zu machen? – Und meine Antwort: Ja, tatsächlich, das hat es. Aber nicht direkt, also nicht einfach durch die Nutzung von Social Media, sondern durch die Reflexionen, die durch deren Nutzung ausgelöst wurden. Zum einen ist ein Weblog ein Medium, das zum Reflektieren anregt. Zum anderen bedeutet öffentliche Wissenschaft auch, die traditionellen wissenschaftlichen Methoden zu hinterfragen. All das hat dazu geführt, dass ich mich verändert habe: Ich habe gelernt, Kritik zu äußern. Ich habe gelernt, meine eigene Position zu vertreten. Ich habe gelernt, mutig zu sein. Ich habe gelernt, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich habe gelernt, wie wichtig Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind. Ich habe gelernt, dass all das wichtig ist, um glücklich zu sein.
SoMM: Vielen Dank für das inspirierende Interview!
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Es gehörte nun zu meinem Konzept, dass der interviewte Experte den Fernstudierenden am Ende des Interviews noch eine kleine Übungsaufgabe stellt. Entsprechend bat ich Christian, sich doch einfach etwas auszudenken. Ich dachte dabei wohl an eine praktische Online-Übung oder eine theoretische Frage zum Open-Gedanken. Dann öffnete ich das Dokument und las, was Christian an entsprechender Stelle als Übungsaufgabe eingefügt hatte:
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Und auch Christian haben wir zum Abschluss gefragt, welche Übungsaufgabe er Ihnen stellen möchte. Hier ist sie:
Übungsaufgabe
Reflektieren Sie zu folgender Frage: Sind Sie glücklich?
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Wer auch immer den Fernlehrgang “Social Media Manager” beginnt, wird bei der Lektüre des Einführungsheftes schnell feststellen, dass am Ende des Interviews mit Christian Spannagel keine Übung abgedruckt ist – weder diese noch eine andere…
Ich gebe offen zu, dass der Vorschlag von Christian mir zum Opfer gefallen ist. Ich habe schlichtweg befürchtet, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs würden dem ILS diese Übungsfrage um die Ohren hauen: Was das denn mit Social Media Management zu tun habe? Sie wollten hier keinen Psychologie-Kurs belegen, sondern was handfestes für ihren Beruf lernen! Und und und. Ich hörte sie alle…
Vieleicht habe ich eine Chance vertan. Die Chance, die Fernstudierenden über eine existenzielle Frage nachdenken zu lassen, die man sich nicht oft genug stellen kann, eine Frage, die im Kontext der schnellebigen, leiblos vernetzten Welt 2.0 durchaus von besonderer Bedeutung ist. Eine Frage, die sofort kenntlich macht, dass alle Web-2.0-Techniken immer nur ein Mittel sind, die es ermöglichen, eine persönliche befriedigung zu erfahren, die sich einstellt, wenn Menschen miteinander in einen Kontakt kommen, der sie wirklich berührt und bewegt. Ja, das geht tatsächlich auch über das Medium Internet. Christian hat es in dieser Woche mal wieder bewiesen. (In diesem Zusammenhang möchte ich hier auch noch einmal auf den wunderbaren Beitrag von Marc J. Rosenberg “The Special Sauce of Social Learning” verweisen.)
Und jetzt?
Jetzt stelle ich die Frage, die Christian im Studienheft nicht unterbringen konnte, einfach mal in die Runde: Bist Du glücklich? Wahlweise kannst Du auch gern auf die Frage antworten, die er sich im Interview selbst gestellt hat: Hat das Web 2.0 dazu beigetragen, Dich ein Stück glücklicher zu machen? Wir könnten ja spontan eine Blogparade daraus machen…
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PS: Dies ist mein ganz anderer Beitrag zur zweiten Woche “Nicht ohne meine Community” des OpenCourse 2011.
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Ich war überrascht, welche Punkte du hier zusammenbringst: Community-Aktivierung, meinen Blogbeitrag zu Beziehungen und die Frage nach dem persönlichen Glück.
Jetzt, nachdem ich länger darüber nachgedacht habe, hängt tatsächlich alles zusammen. Ich habe mich lange mit meinen Überlegungen zu Beziehungen “herumgeschleppt” und “gequält”. Jetzt, nachdem ich diese Gedanken mit meiner Web-Community geteilt und besprochen habe, fühle ich mich glücklicher bzgl. dieses Aspekts meines Lebens.
These: Ich werde glücklicher, wenn ich tiefe persönliche Reflexionen nicht nur mit mir selbst aushandele, sondern mit anderen teile.
Posted by Christian Spannagel | 15. Mai 2011, 00:26Zu der Frage, ob das Web 2.0 mich glücklicher gemacht hat. Ja. Es liegt meiner Meinung nach besonders daran, dass andere auf mich positiv reagieren. Und was wirklich wichtig ist: überhaupt reagieren.
Die Erfahrung, dic ich im Moment ganz neu mache hat anscheinend Christian länger schon gemacht: die der Reflexion. Dies bringt wirklich etwas, auch wenn ich neu im Blogging-Geschäft bin. Es hat eine Weile gebraucht um den Mut und die Offenheit zu haben (also wieder was entdeckt). Ich musste aus der Deckung gehen. Hier habe ich mich tatsächlich auch ganz konkret an Christian orientiert. Sage ich einfach mal so.
Posted by Martin Kurz | 15. Mai 2011, 12:41Schön, dass das Thema “Glück” gerade jetzt hier zur Sprache kommt. Ich beschäftige mich zur Zeit auch damit, ausgelöst durch einen Artikelschwerpunkt in einer Hochschulzeitschrift. Da das hier ja kein ILS-Blog ist, darf ich vielleicht auch den Namen nennen? – Es handelt sich um das Magazin der AKAD, und die Artikel zum Thema Glück sind sogar online verfügbar, zum Beispiel unter http://www.fernstudium-infos.de/akad/29148-vorstellung-20-ausgabe-akad-hochschulmagazins-okonomie.html . Die Überlegungen haben mich so beschäftigt, dass ich zur Zeit das Buch “Die Tretmühlen des Glücks lese”. Also: Der Blogartikel passt gerade sehr gut.
Zur Frage, ob ich glücklich bin, kann ich dies grundsätzlich bejahen. Zwar nicht in jedem einzelnen Augenblick, aber von der Grundstimmung her schon. Ich versuche aber auch, mir immer wieder vor Augen zu führen, welches “Glück” ich habe und welche glücklichen Momente ich erleben durfte. Als ich vor ein paar Jahren eine eher schwierige Zeit durchgemacht habe, in der ich mich oft alles andere als glücklich gefühlt habe, habe ich mir angewöhnt, jeden Abend im Bett zu überlegen, was dennoch am jeweiligen Tag schön war. Und es gab keinen Tag, an dem ich nicht doch irgendetwas gefunden habe, und wenn es “nur” ein freundliches Gespräch mit jemandem war.
Auch die Frage, ob mich das Web 2.0 glücklich macht, kann ich mit “ja” beantworten. Viele schöne Rückmeldungen, und zum Beispiel auch wieder aufgelebte Kontakte zu Menschen aus meiner Kindheit/Jugend, die sonst nicht zu Stande gekommen wären. Allerdings hat mich das Web 2.0 eine Zeit lang auch eher gestresst und nicht so glücklich gemacht, bis ich Wege gefunden hatte, mit der Informationsfülle klar zu kommen und diese in geregelte Bahnen zu lenken. Ob ich nun ohne Web 2.0 unglücklicher wäre, da bin ich mir nicht sicher – es gibt ja immer verschiedene Wege zum Glück bzw. viele Dinge, die glücklich machen können.
Posted by Markus Jung | 15. Mai 2011, 15:05@Christian: Meine These ist, dass Du Deine Bog-Leser/innen (also Deine Community) in besonderem Maße genau deshalb aktivierst, weil Du mit Deiner besonderen Offenheit Deine eigenen Gedanken zur Diskussion stellst. “Aus der Deckung gehen, so wie es Martin im Kommentar danach ja auch beschreibt. Insofern ist Dein Gück natürlich auch ein bisschen davon abhängig, dass andere reagieren, gell?
@Martin “Aus der Deckung gehen” ist der Knasus Knaxus. Für mich ist es spannend, gerade in einem weniger privat, mehr fachlich orientierten Blog da einen guten Weg zu finden.
@Markus Vielen lieben Dank für Deinen sehr persönlichen Kommentar!
Und nur am Rande: Natürlich ist hier die Nennung jedes Anbieters usw. vollkommen okay. Wie sagt man so schön: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient… Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es nicht so leicht ist, dieses Überangebot an Kommunikationsmöglichkeiten so zu integrieren, dass sich Online- und Offline-Zeiten genauso wie virtuelle und leibhaftige Kontakte gut die Waage halten und es sich im Verhältnis zueinander befriedigend anfühlt.
Posted by Dörte Giebel | 15. Mai 2011, 19:27@Dörte Ja, es ist natürlich wichtig, dass andere reagieren und man in einen Austausch kommt. Allerdings bringt mir auch das Schreiben an sich schon sehr viel. Ich strukturiere dabei meine Gedanken, muss sie so formulieren, dass andere verstehen was ich meine usw. Das Weblog wird damit zum “Denkwerkzeug”…
Posted by Christian Spannagel | 16. Mai 2011, 00:23Es ist ganz praktisch, wenn man zur prüfung der frage, ob etwas einen glücklicher macht, ein modell heranziehen kann. Wenn man der meinung ist, dass glück in der dauerhaften befriedigung essentieller bedürfnisse besteht und die maslowschen kategorie bemüht, so stellt man fest, dass über WEB 2.0 die physiologischen bedürfnisse, die nach sozialen kontakten, nach sozialer anerkennung, nach selbstverwirklichung nach sinn und vor allem nach informationsverarbeitung in hohem masse befriedigt werden können. Die antwort ist dann selbstverständlich: JA, Web 2.0 kann einen großen beitrag zur erhöhung des glückes jeden einzelnen menschen und der ganzen gemeinschaft leisten. Web 2.0 liefert die basis für eine weltweite demokratisierung, für die transparenz politischer handlungen, möglicherweise später für die neuverteilung von reichtum.
Posted by Jean-Pol Martin | 16. Mai 2011, 07:38Mir fällt noch ein: da ich mich schon länger mit dem aufbau von “glückbringenden strukturen” befasse (genaugenommen seit 40 jahren) habe ich natürlich auch über die glückbringende qualität von web.20. beschäftigt: http://jeanpol.wordpress.com/2010/04/15/ereignisdichte-als-glucksfaktor/
Posted by Jean-Pol Martin | 16. Mai 2011, 10:58Ja. Ich bekenne: Es macht mich glücklich(er)… es versüßt mein Leben: http://lernspielwiese.wordpress.com/2011/05/16/schokolade-war-gestern-das-social-web-als-glucklichmacher/
Posted by Monika E. König | 16. Mai 2011, 22:38