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SoMM 04 : XING, FB, Google+ & Co.

Mark Zuckerberg schuldet uns gar nichts – außer klare Datenverhältnisse

Ein induktives Streitgespräch

Ich hatte diesen Artikel schon im Kopf, bevor ich den offenen Brief an Mark Zuckerberg auf t3n gelesen habe (glaubt mir jetzt eh keiner), aber mit einem solch einem Sparringspartner bloggt es sich gleich noch viel besser.

***

In letzter Zeit kam mir dieser Satz immer häufiger in meinen Selbstgesprächs-Sinn: “Mark Zuckerberg schuldet uns gar nichts.” Ok, nachdem ich die Kommentare auf t3n gelesen habe, würde ich sagen, er schuldet uns als guter Gastgeber konkret zweierlei:

“Es zwingt einen niemand bei Facebook mitzumachen. Kritisch wird es erst, wenn man gehen möchte und seine Sachen an der Garderobe nicht wieder bekommt (Daten).” (Kommentar von Marc Nemitz auf t3n)

1. Kontrolle über unsere Daten, wenn wir uns aus Facebook zurückziehen wollen. Dazu zitiere ich, weil ich es treffender nicht ausdrücken könnte:

2. Klarheit, was mit unseren Daten passiert, solange wir Facebook nutzen. Dies möge geschehen durch für Normalsterbliche auffindbare und verstehbare AGBs – und durch eine Menueführung, die die Anpassung der privatsphäreneinstellungen zum Kinderspiel macht.

Das wars aber auch schon. Ansonsten soll Mark doch einfach machen, wozu er Lust hat. Schließlich haben wir die Wahl.*

Aus meiner Sicht ist nicht Facebook das Problem, sondern die gesellschaftliche Lethargie und Bequemlichkeit. Leute, wir sind einfach nicht auf Zack! Alle nicken aufgeregt angestrengt, wenn das Wort “Medienkompetenz” fällt, die wenigsten begreifen, dass für jahrelange Lehrplandiskussionen keine Zeit mehr bleibt, wenn Kinder und Jugendliche schnellstmöglich gemeinsam (!) mit ihren Lehrer/innen lernen müssen, mit einer digitalisierten und online vernetzten Welt umzugehen. Globalisierung war gestern. Digitale Vernetzung ist das Phänomen der Gegenwart. Und damit die Frage nach dem Umgang mit Daten. Und wer was damit tun darf, wer sie horten darf, weitergeben, an wen usw. Ja, wer soll denn bloß all diese Fragen beantworten?!? Lässt sich das nicht irgendwie deligieren? Nein. Verantwortung für meine Daten lässt sich nicht deligieren. Also, mir wurde früher beigebracht, auf meine Sachen aufzupassen. Meine Daten sind meine Sachen. Wie bringt Ihr das Euren Kindern bei?

Ich wage mal eine steile These: Der mündige Bürger ist gefragter denn je, denn so manches wird schneller politisch (und gefährlich) als man gucken kann. Erinnert Ihr Euch noch an die letzte “Das haben wir alle nicht gewusst”-Debatten…?!?  (Dies ist KEIN Zuckerberg-Hitler-Vergleich, wehe, mir unterstellt das jemand!) Es ist – historisch gesehen – aus immer unterschiedlichen Gründen wichtig ist, aufmerksam zu sein und die gesellschaftlichen (wirtschaftlichen wie politischen) Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. Und hierzu wollen wir doch die Jugend erziehen – und die Älteren nach Möglichkeit auch. Denn das, was Freiheit und Demokratie bedroht, kommt um immer neue Ecken. Es kommt übrigens auch nicht enfach “aus dem Internet”, nicht das Medium ist “böse”, sondern die Arten und Weisen, wie es genutzt werden kann, bieten Möglichkeiten, Macht über Menschen zu gewinnen. Und manchmal merken Menschen es erst recht spät, dass sie ohnmächtig sind…

* Haben wir die Wahl? Ist nicht das eigentlich Tragische, was sich zurzeit abspielt, dass im Internet unmerklich Ungewohntes ausgeblendet wird, wenn wir surfen? Hier zitiere ich wieder aus den t3n-Kommentaren:

“Morgen spielt Dir das Netz dann nur noch Daten vor die man Dir zeigen will, Deine Meinung, Deine Produkte, Deine Kanäle. Du verlierst die Fähigkeit auch andere Meinungen zu reflektieren weil man sie Dir dank Deines Profils gar nicht mehr zeigt. Du bekommst alles nur noch präsentiert weil der Algorithmus Deine Vergangenheit analysiert. Das ist wie der Genius in iTunes. Er kann Dir nur Alternativen zu Deinen Apps und Deiner Musik zeigen. Er ist nicht daran intessiert Risiken einzugehen und Dir neuartiges aufzeigen. Das Ergebnis ist also dann die Lenkung Deines Handelns im Rahmen Deines Konsumverhaltens und Deiner Gewohnheiten. Das dürfte dann jeglicher Art von psychologischer Verstärkung bisheriger Verhaltensmuster die Türe offnen. Schone neue Welt.” (Kommentar von Klaus Jestädt auf t3n.de)

Ich hätte das nicht treffender formulieren können.

Und jetzt?

Jetzt lassen wir die Zuckerbergs, Jobs’ und Pages dieser Welt einfach mal ihren Job machen und wir machen unseren: Wir kümmern uns um unsere Medienkompetenz und unseren kritischen Sachverstand und darum, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Ja, es war schon immer etwas aufwändiger, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ja, man muss sich dafür Zeit nehmen. Übrigens spricht mir Jörg Blumtritt da mit seinem Blog Post über die digitale Kluft aus dem Herzen.

Oder will sich hier jemand von den Lesern/innen als Lemming outen?

***

PS: Übrigens ist es mir auch total egal, ob Facebook mit seiner neuen Timeline den Bach runtergeht oder noch den letzten FB-Abstinenzler rumkriegt. Wie gesagt, Mark Zuckerberg schuldet uns gar nichts außer eindeutige AGBs und leicht zu bedienende Funktionen für alles, was mit meinen Daten zu tun hat, die ich dort hochlade.

 

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Discussion

4 Responses to “Mark Zuckerberg schuldet uns gar nichts – außer klare Datenverhältnisse”

  1. Den Kommentar den du aufnimmst, hatte ich schon bei t3n kommentiert und möchte das auch hier noch einmal machen.

    Wenn Facebook das Netz wäre, es also keine anderen Seiten mehr geben würde, der Zugang nur noch über Facebook möglich wäre, dann wäre dieses Szenario möglich und das wäre bedenklich. Facebook ist aber nicht das Netz, Facebook ist eine Seite von vielen. Wenn wir nach einem Thema suchen, von dem wir uns eine Meinung bilden wollen, dann werden wir auch weiterhin eine Suchmaschine benutzen, die uns im schlimmsten Fall jetzt schon manipulieren kann. Wer aber weiß, dass man nicht nur eine Datenquelle nutzen sollte, um seine Meinung zu bilden und wer das auch Lebt, der sollte derzeit keine Probleme mit Facebook haben. Und wenn es um Werbung geht und deren Einfluss, so sind wir dieser Tag und Nacht auf vielen Kanälen ausgeliefert.

    Posted by Sven | 10. Oktober 2011, 23:21
    • Hallo Sven, danke, dass Du hier auch noch kommentierst! ich hatte Deinen Kommentar “drüben” schon gelesen, und bin da ähnlich entspannt wie Du – und gleichzeitig bleibt ein Rest Magengrummeln, das angesichts der Meldung über Googlemail und Wikileaks etwas lauter wird:

      “Gmail users got a hefty dose of reality today when it was revealed that Google handed over one user’s private data to the U.S. government, who requested it without a search warrant.” Quelle: readwriteweb.com

      Da ich wie schon beim Bundestrojaner der Meinung bin, dass die Gefahr im Netz vom potenziellen Überwachungsstaat ausgeht, muss ich geichzeitig einkalkulieren, dass Wirtschaftsunternehmen wie Google oder Facebook dem jeweiligen Staat, der gern mehr überwachen würde – und nicht selbst an die Daten kommt – und diese Unterehmen um “Hilfe bittet”, dann auch “helfen”…

      Was ist die Konsequenz daraus?

      Posted by Dörte Giebel | 11. Oktober 2011, 07:04
  2. Zuckerberg schuldet uns sehr sehr sehr viel mehr, als er leistet, nämlich genau das, was du “gar nichts außer …” nennst.

    Ich habe, als ich kurzfristig ein Account bei Fb hatte, nicht geglaubt, dass gelöschte Daten von Facebook selbstverständlich weiter gespeichert werden und abrufbar sind. Ich habe geglaubt, man könnte ein Facebook Account löschen.
    Heute habe ich viele Monate nach der Löschung wieder Lockangebote erhalten, mein Konto neu aufzumachen, weil angeblich irgendwelche Leute, die ich nicht kenne, meine Freunde bei Facebook sein wollen. Wie sollen sie auf mich kommen, wenn Fb mich ihnen nicht anbietet wie einen gekauften Kommunikationssklaven?

    In Sachen heimliches Erschleichen und darauffolgendes Preisgeben von Daten ist Facebook unter den sozialen Netzwerken eindeutig Spitze.

    Posted by Fontanefan | 12. Oktober 2011, 00:14

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  1. [...] “Denn, Mark, ohne Gäste hast du gar nichts.” Dörte Giebel bringt es auf den Punkt: Mark Zuckerberg schuldet seinen Gästen zweierlei: Kontrolle über unsere Daten und klare AGBs. Ich bin mir sicher: Da können wir lange [...]

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