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Fragen an einen öffentlichen Wissenschaftler: Christian Spannagel

[BILDQUELLE DES ARTIKELBILDES: http://dossenheim-zur-kreidezeit.de/team/christian-spannagel/]

Als im Frühjahr 2011 der Fernlehrgang “Social Media Manager/in” entstand, bat ich Christian Spannagel um ein Interview, welches wir im ersten Studienheft im Kapitel über verschiedene Social-Media-Anwendungsfelder veröffentlichten. Auch zwei Jahre danach beinhaltet das Interview grundlegende und nach wie vor gültige Gedanken eines öffentlichen Wissenschaftlers, weshalb Christian genau so wie ich findet, dass wir es nicht in den Studienmaterialien “einzusperren” sollten…. ;-)

Christian Spannagel (*1976) experimentiert seit Jahren mit dem Einsatz von Social Media in Forschung und Lehre experimentiert. Er hat Informatik an der Technischen Universität Darmstadt studiert und an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in Pädagogik promoviert. Heute lehrt und forscht er in den Bereichen Informatikdidaktik und Mathematikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Sein besonderes Interesse gilt dem Einsatz des Computers und des Internets beim Lernen, Lehren und Forschen.

„Öffentliche Wissenschaft bedeutet für mich, dass man nicht nur seine ‚Wissenschaftsprodukte‘ veröffentlicht, sondern bereits im Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion erste Konzepte, Ideen, brainstormingartige Stichpunkte usw. online stellt und mit anderen diskutiert.“ (http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Cspannagel)

Christian bezeichnet sich selbst als öffentlichen Wissenschaftler. Sein jüngstes Projekt ist die Umsetzung eines Massive Open Online Courses, den “Mathe-MOOC: Mathematisch denken!”, der im September 2013 beginnt und für den sich zurzeit jede/r anmelden kann – kostenfrei und ohne Teilnahmebeschränkungen, wie es sich für einen MOOC gehört! Und wie es sich für einen öffentlichen Wissenschaftler gehört, bloggt Christian auch über die Entstehung seines MOOCs.

Dörte: Lieber Christian, wie bist du zum öffentlichen Wissenschaftler geworden? Und was war für dich der entscheidende Schritt, mit dem du dich quasi aus der Deckung ge-traut hast, um deine Arbeit öffentlich zur Diskussion zu stellen?

Christian: Oh, das ist eine gute Frage. Ich erinnere mich kaum, weil es schon so lange her ist. Warte mal, ich schau mal in meinem Weblog nach … ah ja … es war im Mai 2008, als ich den Entschluss fasste. Ich wurde inspiriert durch das erste EduCamp in Ilmenau, das mich sehr beeindruckt hat. Damals herrschte eine Art Aufbruchstimmung. Insbesondere fand ich es toll, wie Jean-Pol Martin, ein Professor für Französischdidaktik, öffentlich in Wikis agierte. Das wollte ich unbedingt auch machen. Darüber hinaus wurde ich von Steffen Büffel (media-ocean) zur Weblog-Nutzung animiert. Der Entschluss, öffentlicher Wissenschaftler zu sein, ist danach langsam gewachsen.

Dörte: In welchen sozialen Medien bist du denn aktuell vorrangig anzutreffen?

Christian: Ich benutze unheimlich gerne Twitter, das für mich nicht nur ein soziales Netzwerk ist, son-dern vielleicht sogar ein soziales Netz, in dem man sich in gewisser Weise den Tag über aufgehoben füh-len kann. Dieses Netz ist immer da, es ist immer aktiv, und man erhält daraus Gedankenimpulse, wann immer man welche haben möchte. Genauso kann man Gedankenimpulse ins Netz schicken und schauen, was passiert. Vielleicht passiert nichts, vielleicht passiert aber auch ganz viel, und man ist überrascht, wer aus dem Netz einen Gedankenimpuls aufgreift und weiterführt. Außerdem sind Tweets (so nennt man die Twitternachrichten) oft einfach nur witzig. Selbstverständlich kommt es darauf an, wem man folgt und von wem man verfolgt wird. Man hat auf Twitter die Möglichkeit, sich ein eigenes Netz zu basteln, so wie man es gerne haben möchte. Wer mich dort verfolgen möchte: Mein Account heißt @dunkelmunkel.

Während ich auf Twitter Gedanken nur kurz darlegen kann, benutze ich mein Weblog, um größere Gedankeneinheiten aufzuschreiben und mit anderen zu diskutieren. Oft schälen sich solche Gedankeneinheiten heraus, wenn man eine Zeitlang bestimmte Ideen mit sich herumträgt. Wenn man schon ein wenig Erfahrung mit dem Bloggen hat, dann formt sich beim Nachdenken über eine Sache (am Schreibtisch, im Auto, auf dem Klo) langsam und allmählich ein Weblog-Artikel gedanklich heraus, der danach drängt, veröffentlicht zu werden. Bloggen ist für mich eng verwoben mit Denken. Mein Weblog ist ein Denkwerkzeug. Beim Schreiben ordne ich meine Gedanken. Und von diesen Strukturen profitiere ich dann später, z. B. bei Diskussionen in der Offline-Welt. Außerdem kann ich so immer und von überall auf diejenigen Gedanken zugreifen, die ich vor langer Zeit einmal gedacht habe. Das ist sehr interessant. Ich kann anhand meines Weblogs nachvollziehen, wie ich mich weiterentwickelt habe.

Außerdem nutze ich Wikiversity als Arbeitsumgebung. Wikiversity ist – genau wie Wikipedia – ein Wiki, allerdings keine Enzyklopädie, sondern eine Plattform für Hochschulkurse, Projekte und wissenschaftliche Diskussionen. Neben einigen Kursen und Projekten pflege ich dort meine Benutzerseite sehr intensiv. Ich schreibe Stichpunkte zu Themen hinein, mit denen ich mich gerade beschäftige, ich schreibe auf Tagungen live mit, während ich einem Vortrag lausche, und ich sammle dort Links zu verschiedenen Inhalten. Wikiversity ist also mein wissenschaftliches Online-Notizbuch.

YouTube nutze ich für kleine Videostatements oder für Vorlesungsaufzeichnungen. Auf flickr stelle ich meine Bilder online. Diigo nutze ich für Social Bookmarking. Ich weiß gar nicht, wo ich jetzt aufhören soll … Letztlich versuche ich, Inhalte prinzipiell online zu stellen, damit andere sie benutzen oder mit mir darüber diskutieren können.

Dörte: Welche Kreise zieht das, was du veröffentlichst? Wen erreichst du, von wem bekommst du Rückmeldungen, Fragen, Anregungen, Kritik usw.?

Christian: Ich kann schlecht abschätzen, welche Kreise das zieht. Oft bin ich verwundert, wer etwas mitbekommen hat von dem, was ich online so treibe. Viele lesen, nur wenige kommentieren. Rückmeldungen, Fragen usw. bekomme ich von ganz unterschiedlichen Personen: von Menschen, die ich kenne, und Menschen, die ich nicht kenne, von Professoren, Studenten, Rentnern und Schülern, von Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern. Das ist ja gerade spannend am Web 2.0: Man gerät mit Men-schen aus ganz anderen Kontexten in einen Austausch. Das weitet den eigenen Blick. Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht nur mit Menschen austauscht, die sowieso dasselbe denken wie man selbst. Die Gefahr ist im Web 2.0 sehr groß: Man bewegt sich in Strukturen, die einen selbst bestätigen. Man muss fast schon zur Kritik auffordern oder Dinge überspitzt darstellen, um Gegenwind zu erzeugen. Wenn alle nur „Ja, super, weiter so!“ kommentieren, hilft das nicht weiter.

Dörte: Hast du für das, was du tust, eigentlich Vorbilder – seien es Menschen oder Projekte –, an denen du dich orientierst?

Christian: Ich lerne gerne „am Modell“: Ich schaue, was andere machen, und wenn mir das gefällt, mache ich das auch. Jean-Pol Martin ist ein solches Vorbild. In vielem, was ich tue, kopiere ich ihn eigentlich nur. Oder ich denke, dass ich auf eine kreative Idee gekommen bin, und dann zückt er ein Beispiel von vor zehn Jahren raus, bei dem er genau das schon gemacht hat. Dinge werden neu erfunden, das ist ganz normal. Manchmal frage ich mich, welche Idee überhaupt von mir selbst ist. Es ist kein böser Wille dabei, aber es gibt Situationen, in denen freue ich mich über eine eigene Idee, und später merke ich, dass ich das eigentlich von jemand anders habe. Das ist dann schon ein bisschen enttäuschend – ich bin doch sooo toll! :-) Im Ernst: Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen. Soziale Netze dienen doch der gemeinsamen Entwicklung, und die persönliche und die ge-meinsame Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden, wenn man sich in Sozialen Netzwerken öffnet.

Dörte: Im Mai 2010 hast du dich kurzzeitig nahezu komplett aus dem Social Web zurückgezogen und deine Gründe in einem sehr persönlichen Blog-Artikel dargelegt. Was hat dich dazu bewogen, wieder zurückzukommen?

Christian: Der Abbruch zahlreicher Vernetzungsaktivitäten (u. a. Twitter, Facebook, Xing, werkenntwen, wasweissich) war eine extreme Reaktion auf die extreme Nutzung dieser Communitys zuvor. Ich bin sozusagen von einem Extrem ins andere gefallen. Mittlerweile habe ich mich in der Mitte eingependelt. Ich nutze zum Beispiel wieder Twitter. Das war nämlich das Werkzeug, das ich am meisten vermisst hatte. Facebook habe ich aufgegeben, weil mir diese Community zu viel Struktur vorgibt, dabei unübersichtlich wirkt und zudem auf nicht tragbare Weise mit den Daten der Nutzer verfährt.

Ich habe ein großes und lange andauerndes Selbstexperiment hinter mir: die Vernetzung in allen möglichen Umgebungen. Das ist auf Dauer nicht leistbar. Man muss sich hingegen entscheiden, welche Werk-zeuge man nutzen möchte und warum. Es spricht nichts dagegen, einmal eine neue Community auszuprobieren. Gerade im Social-Media-Bereich ist dies wichtig. Man muss sie aber auch wieder aufgeben können. Und das Aufgeben einer Mitgliedschaft in einer Community bedeutet auch gleichzeitig, das Netz und die Menschen darin ein Stück weit zu verlassen. Und emotional ist das natürlich ähnlich schwierig wie in der Offline-Welt.

Dörte: Empfiehlst du eigentlich jedem Lernenden oder Studierenden, ein eigenes E-Portfolio oder ein digitales PLE (Personal Learning Environment) anzulegen – also eine Art virtuellen Arbeitsplatz inklusive Webarchiv, um Lernfortschritte zu dokumentieren usw.?

Christian: Hat das nicht schon jeder? Das Wort PLE bezeichnet ja nichts anderes als die Zusammenfassung der Tools, die ich zum Lernen nutze. Wenn ich ein Textverarbeitungssystem nutze, um Stichpunkte zu Veranstaltungen zu machen, dann ist dieses System Teil meines PLE – meiner persönlichen Lernumgebung. Wenn ich auf YouTube-Filme zugreife, um mich über etwas zu informieren, dann ist YouTube Teil meines PLE.
Ich persönlich habe es schätzen gelernt, Inhalte online in Umgebungen einzustellen, die Teil meines PLE sind (Weblog, Wikiversity usw.). Das hat mehrere sehr praktische Seiten: Andere können kommentieren. Ich habe von überall Zugriff auf mein PLE. Ich kann anderen Personen Inhalte einfach per Link zur Verfügung stellen. Und man kann häufig auf einfache Art gemeinsam an etwas arbeiten. Als nachteilig wird oft empfunden, dass ja dann alles online steht. Was ist, wenn ich mich einmal irre und etwas Falsches schreibe? … Na und? Wenn man es in seinem PLE online stehen hat, dann besteht die Chance, dass es jemand anderem auffällt. In meinem Blog nicht.

Dörte: Und jetzt machen wir mal etwas Verrücktes: Die letzte Frage darfst du selbst dir stellen! Was würdest du dich denn gern noch fragen, wenn du dir vorstellst, du fängst gerade mit dem Fernlehrgang „Social Media Manager“ an?

Christian: Ich würde mich gerne fragen: Hat das Web 2.0 dazu beigetragen, mich ein Stück glücklicher zu machen? Und meine Antwort: Ja, tatsächlich, das hat es. Aber nicht direkt, also nicht einfach durch die Nutzung von Social Media, sondern durch die Reflexionen, die durch deren Nutzung ausgelöst wurden. Zum einen ist ein Weblog ein Medium, das zum Reflektieren anregt. Zum anderen bedeutet öffentliche Wissenschaft auch, die traditionellen wissenschaftlichen Methoden zu hinterfragen. All das hat dazu geführt, dass ich mich verändert habe: Ich habe gelernt, Kritik zu äußern. Ich habe gelernt, meine eigene Position zu ver-treten. Ich habe gelernt, mutig zu sein. Ich habe gelernt, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich habe gelernt, wie wichtig Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind. Ich habe gelernt, dass all das wichtig ist, um glücklich zu sein.

Dörte: Vielen Dank für das inspirierende Interview!

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PS: Wer sich für das “zensierte” Ende des Interviews interessiert: Hier entlang! :-)

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